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Die analytische Gruppe ist ein freies Utopia 

17.08.2022

„Lege dich fest. Was war wirklich? Was ist die Essenz des Ganzen? Entscheid dich. Sei vernünftig. Sei eindeutig. Entweder, oder! Verhalte dich richtig. Kein Wischiwaschi! Was denn nun: Hü oder hott? Halte dich an die Fakten. Trenne Gut und Böse. Wir wünschen Eindeutigkeit. Wir fordern handfeste Beweise. Wie kann es geprüft werden? Wahrheit und Moral geben die Richtung vor. Ja oder nein. Schwarz oder weiß. Mann oder Maus. Was ist richtig, was ist falsch? Wer ist schuldig, wer ist unschuldig? Wer hat Recht, wer hat Unrecht? Es gibt kein dazwischen. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Ich habe Recht. Alles andere ist Makulatur.“

 

Die Aneinanderreihung dieser alltäglichen Floskeln wirkt in ihrer geballten Form einengend und karg. Doch sie gehören zu unserem Alltag gehören wie die Luft, die wir atmen und die Smartphones, die wir mit uns tragen. In den Social-Media-Apps und Kommentarspalten führt diese Entweder-oder-Kultur ihr Eigenleben und wird im Schutzmantel digitaler Anonymität gierig-hastig ausgelebt. Es tritt ein gegenwärtiger Mangel an Ambiguitätstoleranz zu Tage, den viele Autor:innen treffend beschreiben.  

Eindeutigkeit und „Entweder-oder“ sind nicht grundsätzlich zu verurteilen. Im Gegenteil: Wissenschaft, Medizin, Jura und so weiter leben von Eindeutigkeit und bieten wichtige Orientierung. Die Menschheit erforscht mit diesen Werkzeugen erfolgreich sich selbst, die Welt und sogar den Kosmos. Unvorstellbar ist ein Astronaut, der keine naturwissenschaftlichen Prinzipien akzeptiert. Oder ein Arzt, der trotz eindeutiger Befunde eine Diagnosestellung verweigert. Als Patient wünsche ich mir zweifelsfrei Eindeutigkeit als Grundlage meiner Behandlung. 

Folglich ist nicht die Eindeutigkeit das Problem, sondern ihre Verselbstständigung in Lebensbereichen, denen sie wenig zuträglich ist. Dort verhindert sie freies Denken und Fühlen, das Voraussetzung für persönliche Entwicklung ist. Die Entweder-oder-Kultur gibt uns vermeintliche Sicherheit, doch sie nimmt uns den Raum für Phantasie. Insbesondere wenn wir psychisch leiden und innere Konflikte uns martern, wirken die Früchte des Schwarz-weiß-Denkens giftig. Sie sind Öl in die Flammen von Schuldgefühlen, Scham und Ängsten; sie befeuern Depression, Zwang, (Soziale) Angst, Persönlichkeitsstörung, Essstörung, etc. Nicht selten formulieren Betroffene, die sich mühsam von ihren peinigenden Gefühlen distanzieren, den Wunsch genau von diesen Schwarz-weiß-Konflikten befreit zu sein. Entweder-Oder-Prinzipien helfen, das gesellschaftliche Leben zum Beispiel durch Gesetze zu regeln. Aber sie helfen nicht und sie sind kontraproduktiv, wenn Menschen danach suchen, mit sich selbst in Einklang zu leben. Daher ist die analytische Gruppe eine „Entweder-oder“-freie Zone. Nicht abschließende Wahrheit ist hier entscheidend, sondern Neugier. Nicht das Finden einer Essenz im eigenen Selbst ist das Ziel, sondern Selbsterweiterung. Die Gruppe ist ein Schutzraum vor dem alltäglich gegenwärtigen und vorschnellen Drängen auf so etwas wie Tatsachen und Fakten. Gefühle sind nicht immer leicht zu erklären und es braucht Freiheit, um sie erforschen. Das Vorbild ist die Künstlerin, die in regem Schaffensdrang auf die Suche nach spezifischem Ausdruck geht. Jede:r hat ein schöpferisches Unbewusstes als Motor kreativer Selbsterschaffung.  

Die analytische Gruppe ist ein freies Utopia. Sie ist eine Gemeinschaft, in der nicht die Suche nach Eindeutigkeit, sondern Toleranz und Neugier die Kardinaltugenden sind. Niemand ist hier Stellvertreterin einer höheren Instanz, auch nicht die Therapeutin: Group analysis is not „(…) the psychological treatment of a group by a psychoanalyst. It is a form of psychotherapy by the group, of the group, including its conductor“ (Foulkes, 1983, S. 3). Symbolisch unterstreicht der Stuhlkreis die Bedeutung der Gruppe. Alle sind gleichberechtigt in ihrem Recht auf Verständnis. Es geht nicht um ein Streben nach Eindeutigkeit, sondern um ein Streben nach Erweiterung des Selbst. Die Vernunft ist nur die Sklavin der Leidenschaften und sollte ihre Sklavin sein (Hume). Dem Imperativ „Erkenne dich selbst!“ (Descartes) wird höchste Stellung eingeräumt. Sich diese Gruppenkultur zu eigen zu machen heißt zu verstehen, dass es auf die Frage „Was ist mir früher wirklich widerfahren?“ keine Antwort gibt, die als einzige richtig ist. Es heißt außerdem anzuerkennen, dass es keine Antwort auf die Frage gibt „Was für eine Person bin ich jetzt?“. Oder dass es für die Beschreibung der Kindheit oder des eigenen Charakters keine Sammlung neutraler Fakten oder so etwas wie eine vollständige Videoaufzeichnung der eigenen Lebensgeschichte gibt (Vgl. Rorty, 2005, S. 51). 

Reife besteht dann in der Fähigkeit, noch nicht dagewesene Neubeschreibungen der eigenen Vergangenheit ausfindig zu machen. Sie besteht in der Fähigkeit zur ironischen Selbstbetrachtung. Die Aufgabe ist aktuelle Selbstbeschreibungen zu revidieren, zu erweitern und neue Selbstbeschreibungen zu entdecken, deren Übernahme Veränderungen des eigenen Verhaltens ermöglichen. 


Die analytische Gruppe bietet dazu einen phänomenalen Ort, denn die Mitglieder inspirieren sich gegenseitig bei der Suche nach Neubeschreibungen. Die Anregungen durch die anderen haben das Potenzial, die eigenen Beschreibungen zu dynamisieren. Unwahrscheinliche Verknüpfungen werden möglich und tauchen das Beschriebene in ein anderes Licht. Details, Besonderheiten und Nebensächlichkeiten werden betont. Unscheinbare Facetten werden zu Verbindungen zwischen den Gruppenmitgliedern, welche einen Nährboden für neue Betrachtungen des Selbst bieten. Die Betonung des Einzigartigen hebt die komische Vielfältigkeit des menschlichen Lebens hervor. Die analytische Gruppe steht passend zu ihrer jüdisch-rabbinischen Tradition im Geiste des Humors. Sie begeistert uns dafür, bei der Wahl einer Selbstbeschreibung immer ironischer, spielerischer, freizügiger und erfinderischer zu verhalten. Wenn unser Blick vom „Entweder-oder“ entkrampft ist, kommen wir in Kontakt mit unserem Unbewussten. Dazu muss man nicht in Trance oder ähnliches sein. Die schützenden Rahmenbedingungen der Gruppe helfen dabei, Vertrauen zu fassen, sich in die Gruppendynamik zu begeben und ohne Zensur zu sprechen. Es gibt nichts, was nicht gesagt werden darf. Alle Worte können das Fließen neuer Worte hervorbringen, die den Blick verändern und den Anstoß zu Veränderung geben. 

Das unbewusste Ich ist „(…) kein stummes, störrisches, torkelndes Tier, sondern das intellektuell ebenbürtige Gegenüber des bewußten Ich und dessen möglicher Gesprächspartner“ (ebd., S. 48). Es sieht eher so aus, wie jemand, der unsere eigene Stelle einnimmt, jemand, der andere Zwecke verfolgt als wir selbst. Es erscheint wie eine Person, die uns für sich in Anspruch nimmt und nicht umgekehrt. Es ist wie eine oder mehrere innere Quasi-Personen, die wir in der analytischen Gruppe kennenlernen können. Das Kennenlernen der inneren Quasi-Personen ist ein erster wichtiger Schritt, um ihnen den Garaus zu machen. Die realen Personen der Gruppe und die inneren Quasi-Personen verhalten sich spiegelbildlich, was erkenntnisfördernd wirkt. Ein verspieltes, ironisches Verhältnis zu den vielen Blickwinkeln der Gruppe regt ein ebensolches Verhältnis zu sich selbst an. Die analytische Gruppe eignet sich für das Verstehenlernen des Unbewussten folglich sehr gut und unter Umständen besser als die Einzelanalyse, insbesondere da in Gruppen zumeist schneller Gefühle ausgelöst werden: „Those who join our groups learn to use them as a forum to investigate their own imaginary objects and tolerate the return of the repressed as the forgotten, the dissociated and the repressed emerge from hidden locations in the unconscious“ (Schlapobersky, 2016, S. 405). Im freien Utopia der analytischen Gruppe werden wir angeregt, Altes, längst Vergessenes, zur Seite Geschobenes wieder zu erinnern, zu spüren und zu integrieren. Dadurch werden wir freier in Bezug auf uns selbst und andere. Frühere Fixierungen beispielsweise auf bestimmte biographische Ereignisse können sich entspannen. Das schafft einen befreiten und beweglichen inneren Raum, welcher der Dynamik unseres Lebens sowie unseren vielfältigen biographischen Erfahrungen zu entsprechen vermag. 

Ein lockerer, spielerischer Umgang mit Widersprüchen ist Voraussetzung, um sich selbst besser zu verstehen. Denn unsere „Quasi-Personen“ verfolgen oft ihre eigenen Ziele und lassen uns widersprüchlich handeln. Was bei der Lektüre Freuds fasziniert, ist ebendieser Gedanke, dass hinter den Kulissen eine oder mehrere gescheite, artikulierte, einfallsreiche Personen am Werk sind, die sich unsere Witze ausdenken, unsere Metaphern erfinden, unsere Träume entwerfen, unsere Fehlleistungen vorbereiten und unsere Erinnerungen zensieren (Vgl. ebd.). Um dem, was hinter den Kulissen geschieht, auf die Spur zu kommen, braucht es Toleranz gegenüber Ambiguitäten. Sie ist der Schlüssel für die nach Freud schwierigste persönliche Errungenschaft: ein wirklich fester Charakter in einer unbeständigen Zeit zu sein.

 

Literatur:

-          Foulkes, S.H.: Group Analytic Psychotherapy. 1983.

-          Rieff, Philip: Triumph of the Therapeutic. 1966. 

-          Rorty, Richard: Heidegger, Kundera und Dickens. IN: Eine Kultur ohne Zentrum. 2002. S. 72-103.

-          Rorty, Richard: Freud und die moralische Reflexion. IN: Solidarität oder Objektivität. 2005. S. 38-81.

-          Schlapobersky, John: From the Couch to the Circle. 2016.